Mittwoch, 10. August 2005


Nachdem ein Sturm in der Nacht vom 6. auf den 7.8. mein Zelt in Landmannalaugar fast zerlegt hatte, war ich mit dem Bus nach Kirkjubęjarklaustur gefahren und von dort am nächsten Tag weiter nach Skógar, um an diesem etwas weniger windigen Ort das Ende des Regens abzuwarten und den Laugavegur in umgekehrter Richtung zu gehen.

Drei Tage später, um 6 ist vom Wetterwechsel noch nichts zu erkennen. Es nieselt wie gewohnt. Inzwischen habe ich mich zwar mit dem Gedanken abgefunden, im Regen und mit begrenzter Sicht zu gehen, aber ich würde gern endlich mal wieder ein trockenes Zelt einpacken.

Gegen 10 ist es dann tatsächlich soweit - Der Regen hört auf. Ich packe, baue das mittlerweile halbwegs getrocknete (und geflickte) Zelt ab und mache mich dann daran, den reichlich schweren Rucksack die steilen 70 Meter rechts neben dem Skógafoss hinaufzuwuchten (z.T. über die neue Stahltreppe). Oben lasse ich die völlig zu Matsch zertrampelte Aussichtsstelle links liegen, klettere über einen Zaun und folge dem Wanderweg an der Skógar entlang. Natürlich fängt es wieder an zu regnen. Der Weg ist vielleicht etwas länger und verlangt etwas mehr Kletterei als die Piste zur Baldvinskáli, der ersten Hütte, aber dafür entschädigt die Aussicht auf den Cańon und die zahllosen Wasserfälle - entweder der Skógá selbst oder einmündender Bäche.

Der Regen läßt nach. Über dem Meer wird es sogar etwas heller. Eine Gruppe Isländer kommt mir entgegen. Sie haben 4 Std. von der Hütte hierher benötigt, hätten aber auch viel fotografiert. Sind von Landmannalaugar gekommen. Der Sturm, der mich von dort vertrieb, hat sie an einer der Hütten erwischt. Muß so heftig gewesen sein, daß der/die Warden die Camper aufgefordert, in der Hütte zu übernachten. Die Brücke über die Skógá liegt etwas unterhalb der Furt. Daneben ist auf einem Schild der Verlauf des Wanderwegs angedeutet. Die wichtigste Info des Schildes ist, daß es viele schöne Wasserfälle zu sehen gibt. Der Aufstieg strengt mich mehr an als erwartet. Schaffe die meisten steilen Stellen, obwohl ich langsam gehe, nicht in eins. Verspreche mir eine Rast an der Brücke.

Auf einer Seite ruht die Brücke auf einem Steinsockel. Dort gelangt man über eine Leiter hinauf. Die andere Seite liegt direkt am höher gelegenen Ufer auf. Hier ist die Gedenkplakette für den 1984 bei seinem Furtversuch umgekommenen Schotten angebracht. Ich stelle den Rucksack auf einen Felsen und gehe flußaufwärts zur Furt, um Wasser zu holen. An der Brücke ist das Ufer zu steil.

Als ich den Becher wieder verstauen will, trete ich auf einen rutschigen Stein und lasse im Fallen den Becher los. Er rollt den hang hinab in den Fluß und ich sehe ihn noch Richtung Wasserfall davontreiben. Mein Lieblingsbecher, der mich seit Jahren überallhin begleitet hat, ist für immer verschwunden. Trinken kann ich zur Not aus dem Topf, aber wie messe ich jetzt Wasser ab?

Der Weg verläuft jetzt größtenteils auf der Piste weiter. Ein Norweger überholt mich, als ich das nächste Mal auf einem Stein eine Pause einlege und die Schneeammern beobachte, die ganz nah an mich herankommen. Auf dem letzten Stück folgt der Pfad wieder Sticks, die Piste verläuft weiter rechts. Nebel zieht auf und ich stoße mir fast die Nase an der Hütte, als sie nach dem letzten Markierungspfahl plötzlich auftaucht.

Die Baldvinskáli ist ziemlich heruntergekommen. Von den Stufen zur Veranda am Eingang ist auf beiden Seiten eine angebrochen und eingeknickt. Auf der einen Veranda sitzen zwei Isländer mit einem Hund, auf der anderen ein deutsches Paar, das von Žórsmörk heraufgekommen ist, gestern von Skógar hinübergewandert und jetzt wieder zurück will. Hatten gutes Wetter in Žórsmörk.

Ich gehe weiter zur nächsten Hütte und überlege, wenn die Sicht gut sein sollte, doch noch nach Básar abzusteigen. Nach der nächsten Senke sehe ich links den Gletscher durch den Nebel schimmern. Während ich noch stehe, wird die Sicht von Minute zu Minute besser. Die Schleier heben sich, lösen sich auf. Um mich her sind teilweise schneebedeckte Hügel und Kuppen sichtbar.

Ich komme zu einem großen Schneefeld, vielleicht auch ein Ausläufer des Mżrdalsjökulls. Teilweise bedeckt mit Schotter. Schmelzwasser läuft auf der Oberfläche ab und verschwindet irgendwo gurgelnd in Spalten und riesigen Spundlöchern. Der Untergrund wird zu hartem, spiegelglatten Eis. Ich versuche die Abflüsse in achtungsvollem Bogen zu umgehen. Dort möchte ich nicht landen. Während ich noch nach einem gangbaren Weg Ausschau halte, kommt ein Franzose auf dem von mir gegangenen Weg zügig-arglos heran. Ich warne ihn "the ice is slippery". "The ice is what?" kann er noch fragen, während er einen weiteren Schritt macht. Danach weiß er, was ich meine. Einige zig Meter sind noch vorsichtig und unter Umgehung abschüssiger Stellen zurückzulegen, dann wird die Oberfläche wieder griffiger, ist leicht angetaut.

Kurz darauf ist der Wegweiser zur Fimmföršuháls-Hütte erreicht. Noch 1 km abseits des Trails auf einem Höhenrücken. Der erneute Anstieg zur Hütte und die anhaltend gute Sicht bewegen mich zum Weitergehen.

Über eine sandige Ebene kommt mir ein deutsches Paar entgegen. Ich höre sie, bevor ich sie sehe, verstehe zwar nicht alles, was sie sagen, identifiziere aber deutsche Sprachbrocken und kann sie gleich auf Deutsch ansprechen. Sie meinen, als letzte heute von Básar gestartet zu sein, hätten aber gute Sicht gehabt. Ich warne sie vor dem Eisfeld, sie mich im Gegenzug vor der steilen Stelle mit den Ketten.

Bald stehe ich wieder im schönsten Nebel. An einem Felsen ist eine Gedenktafel angebracht. Darauf das Foto einer Frau und ein isländischer Text. Irgendetwas muß in den 50ern hier geschehen sein. Gleich danach erkenne ich im Nebel zwei merkwürdige Silhouetten. Sehen aus, als würden am oberen Ende zusammengerollte Isomatten hervorragen. Bewegen sich aber nicht. Der Nebel hält mich zum Narren! Jetzt fange ich schon an, Gespenster zu sehen. Die Gedenktafel hat wohl auch ihren Anteil daran.

Beim Näherkommen bewegen sich die Gespenster dann doch und stellen sich als französisches Paar heraus, auf dem Weg von Básar zur Fimmföršuháls-Hütte. Sie hätten übrigens nur Nebel gehabt (trotzdem trägt Monsieur Sonnebrille).

Das folgende Stück wird ziemlich steil (bergab). Die nächste Markierung ist nicht immer zu erkennen. Ich versuche dem Trampelpfad zu folgen, verliere ihn aber gelegentlich auf dem felsigen Untergrund. Hinter der weißen Wand könnten es senkrecht hinabgehen und bis dorthin ist es ziemlich steil. Schotte und Sand auf dem Felsen erhöhen die Gefahr, ins Rutschen zu kommen.

Schließlich gehe ich nach unten aus den Wolken heraus und erkenne neben dem Weg im gleichen Moment eine am Felsen verankerte Kette, die schräg nach unten hinter der Kante verschwindet. Das muß dann ja wohl der Heljarkambur (Höllenkamm) sein. Die Aussicht ins Tal unterhalb der Wolken ist nett, die Aussicht, dort hinabzurutschen weniger. Mit dem schweren Rucksack scheint mir die Stelle, wo man sich mit Hilfe der Kette an der Felswand entlanghangelt, schwieriger, als das folgende Stück mit den Abgründen auf beiden Seiten, der eigentliche Grat.

Von der Morinsheiši kann ich noch ein Foto in die Hvannárgíl machen, bevor sich die Wolken wieder senken. Nach dem Ende der Hochebene geht es lange an einem grünen Hang entlang. Dann führt der Weg auf einen Höhenrücken nach Básar hinab. Es wird spät. Den Nebel habe ich zwar hinter mir gelassen, doch dafür fängt es langsam an, dunkel zu werden.

Einige Stellen des Weges sind mit Ketten oder verankerten Elektrokabeln gesichert, was auch dringend nötig ist. An steilen, steinigen Stellen finden meine Wanderstiefel keinen Halt. Der Rucksack schiebt bergab gewaltig; und wenn dann noch kleine Steinchen zwischen Fels und Sohle geraten, ist das Rutschen kaum zu verhindern.

Als ich den Zeltplatz erreiche, ist es schon fast dunkel (nach 22 Uhr). Finde eine Stelle zwischen Birken und Weidenbüschen, Angelicawurz. Weiches Gras als Untergrund. Trinke 3/4 Liter Tee, schlafe ohne Essen sofort ein. Völlig erschöpft. Zeltplatz wider Erwarten ganz ruhig. Kaum Besucher während der Woche.

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