Sonnabend, 26. Juli 2003


Am Donnerstag hatte im meine am Campingplatz in Reykjališ gelagerten Päckchen wieder in Empfang genommen und den Inhalt so zusammengestellt, daß er 7-8 Tage reichen würde. Damit müßte ich bis Kirkjubęjarklaustur an der Südküste und somit zur nächsten Einkaufsmöglichkeit kommen. Den Rest, incl. Bücher, hatte ich verschnürt und zum Campingplatz im Nationalpark von Skaftafell vorausgeschickt. Bei der Gelegenheit hatte ich auch gleich den erste Schwung Briefe und Karten abgeschickt und nochmal 5.000,- Kr. abgehoben.

Am Freitag mußte ich dann bei Regen das Zelt abbauen und das Gepäck zum Bus tragen. Kurz vor Dreki hoben sich die Wolken und Snęfell und Kverkfjöll waren zu sehen. Ich bezahlte bei der Warden und unterhielt mich mit ihr über meine geplante Route. Sie meinte, das Wasser des Öskjuvatn wäre trinkbar, auch wenn einige Leute am Mżvatn es für giftig hielten, wegen der zwei Ertrunkenen.
"I don't mind", sagte ich. "Wasn't that around nineteenten?"
"Nineteenseven", antwortete sie und lachte.
Ich könnte am Westufer an den See gelangen, dürfte dort aber nicht zelten, weil es noch im Schutzgebiet liegt, das mit dem Rand der Caldera endet. Aber es müßte sich dort gut gehen lassen, der Boden bestünde nicht aus rauher Lava (was nicht so ganz stimmt, wie sich zeigen sollte). Ich sollte mich bei meinem Aufbruch aber abmelden und meine Ankunft in Nżidalur von dort durchgeben lassen. Meine Zeiteinschätzung von sechs Tagen fand sie wohl angemessen, jedenfalls nickte sie zustimmend. Ich versprach, mich morgen abzumelden.

Später kochte ich in der Hütte Nudeln und stellte bei der Gelegenheit fest, daß ich offensichtlich eine Portion übersehen und nicht mit dem Päckchen nach Skaftafell verschickt hatte. Darum muß ich sie heute zum Frühstück verzehren: Was im Magen ist, muß nicht im Rucksack getragen werden.

Der Himmel ist heute morgen eine einzige graue Fläche, aus der es manchmal tröpfelt. Das Zelt ist jedenfalls klatschnaß. Nach dem ersten Tee mache ich mich auf den Weg zur Duschkabine. Ich warte... lange! Ein Isländer, der offensichtlich auch duschen will und mehrmals vorbeikommt, um zu sehen, ob die Dusche endlich frei ist, meint verwundert, das Geld würde doch nur für fünf Minuten reichen. Ich wüßte auch nicht, was da so lange dauern kann, antworte ich. Warum ich denn nicht in die andere Dusche (für Frauen) ginge. Ich wüßte nicht, ob das o.k. wäre. Er meint aber: "I don't think they are so strikt about that." Also gehe ich. Zu meiner Freude kommt aus dem Duschkopf nach einiger Zeit auch ohne Münzeinwurf warmes Wasser. Erklärt vielleicht auch, warum die andere Dusche so ausgiebig benutzt wurde. Sauber und durchgwärmt gehe ich in die Hütte, um meine Frühstücksnudeln zu kochen. Aber die Hütte ist von einer Gruppe Italiener belegt, die sich gerade aus den Schlafsäcken mühen und schon auf beide Flammen ihre Kessel gestellt haben. Gut, dann muß eben mein eigener Kocher ran. Geht ja auch.

Erst gegen 11 Uhr ist alles gepackt und ich trage mich, angetan mit voller Regenmontur, bei der Warden in die Liste "Gęsavatnaleiš" ein (ein Gänsebild aus Word-Cliparts ziert den Rand der Tabelle). Mit Ankunftstag! Etwa sieben Personen stehen drauf, sind also in diesem Jahr schon von hier nach Nżidalur gelaufen. Unterwegs wird es immer wärmer, die Wolken senken sich tiefer herab, aber kein Regen fällt. Erst ziehe ich die Jacke aus, am Parkplatz dann auch die Regenhose. Ich unterhalte mich während der Rast mit zwei hamburger Wohnmobilisten, die noch unentschlossen sind, ob sie auch zu den Gęsavötn fahren wollen. Die Wolken werden immer weniger und die Sonne gewinnt an Kraft. Auf dem Weg zum Öskjuvatn liegt in diesem Jahr kein Schnee. Unterwegs begegne ich dem Guide von Askja-Tours, mit dem ich gestern hergefahren bin. Wir unterhalten uns nochmal über meine Tour. Am See lege ich den Rucksack ab und kletter auf einen Berg. Diese Gelegenheit, ein Panoramabild zu machen, muß ich einfach nutzen!

Der Tampelpfad oberhalb des Seeufers endet gleich hinter der Gedenktafel für Rudloff und von Knebel. Der Boden besteht aus relativ festem Sand und ist mit unterschiedlich großen Bimssteinbrocken übersät. An der Stelle am West-Ufer, wo es zum See hinabgeht, beginnt ein "neues" Lavafeld, scharfkantig, bröckelig, mit leichtem Flechtenbewuchs, die Mżvetningahraun. Ich lasse das Gepäck liegen (und leider auch die Camera) und mache mich mit Flasche und Wassersack auf den Weg. Immer wieder wittere ich Schwefelgeruch. Das Gehen ist sehr mühsam. Als ich an den See komme, schimmert das Wasser im Uferbereich türkis. Die Felsen sind weiß überkrustet und der Schwefelgeruch sehr stark. Stellenweise dampft es. Das Wasser des Sees ist hier richtig warm, es hat Badetemperatur - aber wahrscheinlich ist es auch ebensowenig trinkbar wie Badewasser. Darum klettere ich weiter in die nächste Bucht. Der Weg ist geologisch sehr interessant. Zumindest für einen Nichgeologen wie mich. Zuerst laufen parallele Strukturen aus Lava zum Ufer hinunter, die wie riesige versteinerte Baumstämme aussehen, rund, in längere Stücke zerbrochen und an den Bruchstellen zur Mitte hin anders gefärbt als außen.

Die Landzunge vor der nächsten Bucht ist quer von einem Riß durchzogen, vielleicht 20 m lang, als wäre die Zungenspitze abgesackt. Der Riß hat glatte Wände und ist sehr tief. Das Wasser ist an dieser Stelle wieder kalt und scheint trinkbar. Beim Zurückklettern blendet mich ständig die Sonne. Ich koche Tee und klettere dann über und durch die Mżvetningahraun zur Sušurskarš. Höllisch anstrengend! Es ist völlig uneben, zerklüftet, einige Brocken zerbrechen unter meinem Fuß, andere rutschen weg oder kippeln. Ohne die Wanderstöcke, mit denen ich mich vor jedem Schritt abstütze, würde es gar nicht gehen. Als ich endlich drüben bin, ist noch der Paß zu bewältigen, doch dann, oben, scheint es, als würden solche Anstrengungen doch belohnt: geradeaus geht der Blick auf die Kverkfjöll im Abendlicht, davor glitzern die Gletscherflüsse, links erhebt sich der Snęfell, rechts die Gletscher, davor Kistufell und Trolladyngja... Alles.

Als ich das Zelt mit Aussicht aufbaue, ist es 22 Uhr. Zum Abendbrot gibt's Kartoffelbrei und zwei Becher Tee (Ein Liter!) - das war nötig. Ich habe meine Fersen zum ersten Mal zuerst mit Hansaplast wie üblich verklebt und dann darüber, zur Befestigung und zum Schutz, großzügig Leukoplast angebracht. Das hat funktioniert. Ich hatte keine Schmerzen beim Gehen und auch jetzt sind die Pflaster noch an Ort und Stelle. Laut GPS ist mein Nachtlager 1174 m hoch

1. Tag
2. Tag
2. Tag
3. Tag
3. Tag
4. Tag
4. Tag
5. Tag
5. Tag
6. Tag
6. Tag
7. Tag
7. Tag